Musikunterricht muss besser werden: „Bloß nicht zu intellektuell!“

Bis weit in die Grundschule hinein scheut man sich, musikalisches Tun auch „intellektuell“ zu reflektieren. Zum Beispiel wird konsequent die Fachsprache tunlichst vermieden. Dabei spreche ich nicht von Notenschrift! Denn die sollte, darin sind sich die allermeisten Musikpädagogen einig, erst nach dem Musikmachenlernen behandelt werden.
(Kindern die Notenschrift beizubringen, bevor musikalisches Handeln stattfindet, entspricht der Idee, einem 2-jährigen Kind, welches gerade sprechen lernt, zugleich mit Lesen- und Schreibenlernen konfrontieren zu wollen.)

Natürlich hinkt der Vergleich. Die Muttersprache spielt eine andere Rolle als Musik. Doch die viele Parallelen legen Analogien nahe: beides ist gestalteter Klang in Zeit, beides ist Kommunikation, ist menschlicher Ausdruck, man spricht von Musik-„vokabular“, Satz-„melodien“, Sprach-„rhythmus“. Sprache und Musik funktionieren nach Regeln, bauen Strukturen, wird gehört, gelesen und beschrieben. Musik wird am besten gelernt, wenn der Ablauf dem des Spracherwerbs nahekommt. Bleibe ich bei dieser Analogie, um eine schlüssige Musikdidaktik zu entwickeln, dann folgt: so wenig, wie einem Kleinkind beispielsweise der Begriff „Genitiv“ beigebracht wird, so wenig sollte man auch in der Musikpädagogik die Fachbegriffe früh einführen. Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll, allerdings ist die Frage, in welchem musikalischen Stadium ein Kind einem Kleinkind entspricht, damit diese Analogie stimmig ist. Gehen Kinder mit Grundschlägen, Formteilen und Tempi um, so können Fachbegriffe durchaus eingeführt werden, um das bereits Erfahrene oder die gelernte Fähigkeit benennen zu können.

Ich persönlich übe mit den Kindern Fachbegriffe ein, sobald sie mit den entsprechenden musikalischen Phänomenen aktiv umgehen. Aber auch nur diese! Ich finde es wichtig, wenn die Kinder ihre musikalische Erfahrungen und Aktionen bezeichnen können.
Auch für mich als Musikerin ist es von Vorteil, wenn ich nicht ständig zwischen den pädagogischen Begriffen und den echten Fachbegriffen hin- und her übersetzen muss. Außerdem leuchtet mir nicht ein, wieso die Kinder diesen Umweg über gebastelte Wörter
gehen sollen, um dann Jahre später wieder neue Wörter lernen zu müssen. Begriffe wie Tempo, Tonhöhen, Grundschlag und Rhythmus sind durchaus erklärbar (weitergehend je nach Alter auch „Auftakt“, „Intro“, „Solist“, „Bassfigur“, „Improvisation“, „Pause auf der Eins“, „Intonation“ AABA-Form….)

Hier ein Beispiel aus dem MFE-Kurs meines Sohnes mit dem ich zeigen möchte, wie es nicht geht. Dort wurde der Begriff Rhythmus eingeführt und verknüpft mit einer Übung zu
Viertelnoten und Achtelnoten, ohne (!) dass die Kinder vorher ausreichend metrische und rhythmische Erfahrung aufgebaut hatten. Das sah konkret dann so aus:

Statt das Prinzip des Grundbeats zu erklären, der (fast) jedem Lied unterliegt und mit dem Tempo variiert, wurde von „Rhythmus“ gesprochen. Wurde also der Beat (Grundschlag) zu einer Musik von CD geklatscht, und eben nicht der Rhythmus einer Melodie, wurde den Kindern gesagt: „Wir klatschen jetzt den Rhythmus“. Sollte dann tatsächlich der Rhythmus der Melodie geübt werden, wurde, anstatt den Grundbeat zu schlagen und dazu zu singen, die Melodie geklatscht, ohne dass Bezug zum zugrunde liegenden Grundschlag genommen wurde. Dies fördert nicht wirklich rhythmisches Verständnis.

Die Kinder hatten also noch nie den Grundschlag in koordinierten rhythmischen Bewegungen jeglicher Form ausgeführt, und dazu gesungen. Dennoch sollten sie eines Tages den Begriff Rhythmus lernen. Rhythmus wurde als das Aneinanderhängen von Tonlängen erklärt. „Ta ist lang, Ti ist kurz und so sehen die Zeichen aus (Kärtchen mit Achtelnoten und Viertelnoten)“. Jetzt wurden die Kärtchen in eine eine Reihe gelegt und gelesen. Aber nicht singend oder sprechend mit Ta- und Ti-Silben, sondern klatschend (!), und wieder ohne Bezug zum Grundschlag. Die Dauer des Klangs einer geklatschten Viertelnote ist natürlich genauso kurz wie bei einer geklatschten Achtelnote. Die Lücken zwischen den Vierteln und Achteln waren irgendwie länger oder etwas kürzer, hatte aber keine definierte Länge vom Verhältnis 2:1, wie es hätte sein müssen. Als Jazzmusikerin würde ich sagen: es gab keinen Groove. Das Notenlesen wurde im übrigen nicht wieder im Kurs aufgegriffen, es handelte sich also um eine eher sinnlose, und womöglich verwirrende Übung.

Zurück zu meinem Sohn: Als Kind von Musikern gab es für unseren Sohn schon früh die passenden Fachbegriffe zum Handeln. Nachdem er in der Lage war, ein gleichmäßiges Metrum zu klatschen und dazu zu singen, und im Unterschied dazu mir an anderer Stelle den Rhythmus eines Liedes korrekt klatschte, damit ich ihn erriet, brachte ich ihm die Wörter Rhythmus und Grundschlag bei. Ich glaube, dass die Kenntnis vieler musikalischer Begriffe ihm halfen, Musik bewusster wahrzunehmen. Und sie halfen ihm natürlich dabei, mit Anderen zu kommunizieren: nämlich mit uns, wenn wir „Hausmusik“ machten!

In den AGs in der Schule wurde nach und nach das Vokabular eingeführt und die Parameter der Musik bewußt gemacht. Bravo! Es gibt durchaus kompetente Lehrer!

Im Klavierunterricht wurde auch wieder eher zögerlich mit echten Fachbegriffen gearbeitet. Akkorde werden „Harfenklänge“ genannt. Der Quintenzirkel wird aufgeschrieben, aber nicht ausreichend erklärt. Wäre zu diesem Zeitpunkt ach schwierig gewesen!

Stücke werden in ihrer Form nicht analysiert. Schade!

Wohlgemerkt: ich spreche nicht davon, die Musik theoretisch zu erklären. Sondern davon, dass nachdem musikalische Phänomene bewusst geworden sind, das Kind damit bereits umgeht, auch das passende Vokabular zur Verfügung gestellt werden sollte.

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