Musikunterricht muss besser werden: Improvisation

Was aber meine Hauptkritik an jeglicher Art Musikunterricht ist: Der überproportionale Fokus auf Reproduktion! Viele Kinder (oder alle?) singen häufig vor sich hin: sie improvisieren! Mein damals 2-jähriger improvisierender Sohn war der Anlass zu folgendem Gedanken:

In meinen Saxophon-Workshops erlebe ich, dass die meisten Erwachsenen große Schwierigkeiten haben zu improvisieren, oder eine kleine Melodie zu erfinden. Die meisten jüngeren Kinder hingegen singen eigene Liedchen und Melodien, improvisieren also ohne Scheu. Auch abzüglich des Unterschieds, das Kinder dies nicht unbedingt auf Kommando und vor Publikum tun, sind sie Erwachsenen in diesem Punkt tendenziell überlegen. Stellt sich die Frage: Ist es zwingend so, dass man diese Fähigkeit im Laufe des Leben verlieren muss? Oder läuft da was schief? (These: trägt zu dem Verlust der natürlichen Improvisationslust möglicherweise der omnipräsente klassische Musikunterricht mit seiner Fixierung auf das ausschließliche Reproduzieren von notierter Musik bei?)Also habe ich meinen Sohn ermuntert weiterzumachen, wenn er improvisierte. Er sang, ich erfand eine passende Begleitfigur. Dann andersherum: er sang die Begleitung und ich improvisierte. Wir sangen abwechselnd Frage-Antwort-Phrasen. Wir erfanden Aufräumlieder (während wir aufräumten), und später erfand er einige Lieder, um sich beim Hausaufgabenmachen bei der Stange zu halten (in etwa so: „Brief mit i-e, laa lalalie,und schicken mit c-k, lalalala….) Dabei fällt mir ein: haben das früher nicht alle Leute gemacht? Work Songs? Beim Feld auf der Arbeit, bei Mähen und Dreschen? Nachdem das die Maschinen machen: Singen in der Badewanne, beim Wandern, beim Autofahren…? Meine Mutter hat oft beim Kochen vor sich hingesungen….

Im Unterricht kommt Erfinden, Komponieren, Improvisieren, abhängig von der Lehrkraft, mittlerweile vermehrt vor. Die Klavierschule für Kinder von Wohlwender/Ehrenpreis sei hier als Beispiel erwähnt. Dass dieser Ansatz im Unterricht konsequent seinen Platz findet ist aber absolut selten. Und natürlich in der Music Learning Theory von Edwin E. Gordon. Dazu folgt ein eigener Artikel.

Um meinem Sohn zu helfen, das Improvisieren und Komponieren am Instrument zu vertiefen, erfinde ich selber spielerische Übungen, die ein Voraushören fördern. Auch in meiner Tätigkeit als Saxophonlehrerin bin ständig am weiterentwickeln, mit welchen Konzepten die Schüler zum „direkten Musizieren“ kommen können. Diese zu beschreiben würde hier den Rahmen sprengen. Ein Buch darüber ist in Arbeit. Artikel, die einen Vorgeschmack geben, werden folgen.

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